Fritz-Klaus Lange, Vorstandsmitglied pro Ruhrgebiet
Laudatio für Heinrich Wächter
anlässlich der Bürgerehrung am 25. Januar 2005 in Oberhausen, Ebertbad
Sehr geehrter Herr Wächter!
Sie
kümmern sich um fast alles, was Gelsenkirchen kulinarisch betrifft. Sie
sind als Mitinitiator großer Benefiz-Galas bekannt, bilden am
Berufskolleg Köche aus und sind in leitender Funktion in bedeutenden
Vereinen und Verbänden Ihrer Zunft auf nationaler und internationaler
Ebene tätig. Durch Sie hat die Ruhrgebietsküche überregionale Bedeutung
erlangt. Sogar auf dem Bundespresseball war Ihre Currywurst ein Renner.
Wer hat schon vor einigen Jahrzehnten daran
gedacht, das Ruhrgebiet als kulinarisches Ereignis zu betrachten? Heute
ist das Ruhrgebiet eine lebenswerte Stadtlandschaft mit speziellen
kulturellen und kulinarischen Attraktionen und einem hohen Freizeitwert.
Die Ruhrgebietsrezepte sind ein Renner, die Kochbücher gefragt, ganz
besonders die, denen Sie Ihren charakteristischen Stempel aufgedrückt
haben.
Wie Sie im „Kleinen Buch vom Ruhrgebiet“ feststellen, war und ist die
Region kulinarisch gesehen ein Eintopfland. Immer gleich und doch immer
anders: Kartoffeln, Fleisch und Gemüse köcheln gemeinsam vor sich hin,
weil man in früheren Zeiten nur eine einzige Feuerstelle hatte und
deshalb auf das Kochen in einem Pott angewiesen war - eine frühe
Definition von „Der Pott kocht“. Erbsen, weiße oder grüne Bohnen,
Linsen, Sauerkraut, Grünkohl, Stielmus, Möhren mit Speck, Fleisch und
Kartoffeln sättigten Jung und Alt.
Die Einwanderer, die zur Zeit der
Industrialisierung zu Tausenden in den Zechen und Fabriken Arbeit
fanden, brachten ihre eigenen Kochgewohnheiten mit. Erlaubten es die
Verhältnisse, bauten sie Gemüse und Kartoffeln zur Selbstversorgung an.
Die Bergmannsfamilien hielten sich Kleintiere wie Kaninchen, Ziegen,
Hühner und Tauben. Fisch aus den heimischen Gewässern gab es auf den
Märkten und den restlichen Bedarf deckten kleinere Geschäfte. Über
raffinierte Gewürze, exotische Delikatessen und Gourmet-Rezepte
verfügten allenfalls die Familien des Großbürgertums und der
Zechenbarone.
Wie die Sprache, so war auch die einfache
Küche des Volkes geprägt von vielfältigen Einflüssen. Dialekte und
Rezepte auf den soliden Grundlagen des Westfälischen und des Rheinischen
vermischten sich mit dem Oberschlesischen, und dem Polnischen zu neuen
Wortschöpfungen und zu einer unverwechselbaren deftigen
Ruhrgebietsküche.
Das Ruhrgebiet als permanentes Einwanderungsland erfuhr nach dem Krieg
durch die zahllosen Vertriebenen aus Ostpreußen und Schlesien wiederum
neue Impulse. Richtig international aber wurde es mit Beginn der 60er
Jahre durch den Zuzug von Gastarbeitern aus Italien, Griechenland,
Spanien, Jugoslawien, Portugal und vielen anderen Ländern
Heute finden wir in unserer Region eine
hervorragende internationale Gastronomie, die wir alle schätzen. Aber
auch die ursprüngliche regionale Küche hat ihre Anhänger behalten und
gewinnt neue hinzu. Die Ruhrgebiets-Küche besteht nicht nur aus Pommes
rot-weiß und Currywurst. Auch wenn sie echt lecker schmecken und sogar
die Missfits begeistert singen:
"Die Wurst auffem Grill am Rhein-Herne-Kanal,
oder Pommes rot-weiß auffer Hand, ganz egal,
...wenn die Sonne versinkt über der A3,
is der Rest der Welt dir total einerlei"
Mal ehrlich, wer von uns kann sich diesem Zauber entziehen?
Auch Sie, sehr geehrter Herr Wächter,
fühlen sich als echtes Ruhrgebietskind in Ihrer Heimat am wohlsten.
Aufgewachsen im Gelsenkirchener Stadtteil Scholven, haben Sie das
Ruhrgebiet in all seinen Facetten hautnah erlebt und immer geliebt. Der
Wunsch, der kochenden Zunft beizutreten, entstand schon früh und nicht
zuletzt durch die Erfahrungen im elterlichen Betrieb, der damals noch
brav-bürgerlich "Gaststätte" hieß. Gut erinnern Sie sich an ihre
Kindertage, als man mit der Milchkanne Bier holte, Schnaps aus großen
Korbflaschen in Flachmänner abfüllte und Zigaretten einzeln verkaufte.
Die Grundlagen Ihres Berufes erlernten Sie im heimischen Betrieb. Und
als Sie mit 17 Jahren das Elternhaus verließen, um sich weiter
auszubilden, waren sie schon geübt im Blanchieren, Pürieren, Passieren
und im Umgang mit Kochmesser und Küchengeräten. Nach der Lehre folgte
die Hotelfachschule in Dortmund und zunächst ein großer Sprung in den
Schwarzwald. Von 1975 bis 1979 betrieben Sie dort eine Sportgaststätte.
Eines Tages entdeckten Sie in einer
Fachzeitschrift eine Anzeige, die ihr Leben in eine neue Richtung lenken
sollte. Im Ruhrgebiet wurden Berufsschullehrer mit Fachausbildungen
gesucht. In der Möglichkeit, das eigene Können an junge Menschen
weiterzugeben und gleichzeitig wieder heimatlichen Boden unter den Füßen
zu haben, sahen Sie ein erstrebenswertes Ziel. Mit der Entscheidung für
den Lehrberuf und die Rückkehr nach Gelsenkirchen entbrannte auch die
alte Liebe zu Schalke 04 neu. Kurze Zeit spielten Sie aktiv im Verein
und verloren den Kontakt auch später nie ganz.
Schon bald nutzten Sie freie Zeit für
ehrenamtliche Vereins- und Verbandstätigkeit und für soziales und
gesellschaftliches Engagement. Es würde den Rahmen sprengen, würde ich
all die Initiativen und Events aufzählen, die seither von Ihnen
initiiert oder aktiv begleitet wurden. Hier sei nur einiges
stichwortartig aufgezeigt:
• 1979 Gründung des Köche-Clubs Gelsenkirchen, dessen Vorsitzender Sie
heute noch sind.
• Seit über 20 Jahren Engagement im "Landesvorstand NRW des Verbandes
der Köche Deutschlands e.V.", wo Sie ebenfalls die Funktion des
Vorsitzenden wahrnehmen.
• Durchführung zahlreicher auch internationaler Events, wie zum
Laurentiustag, dem Tag der Köche mit 500 teilnehmenden Köchen, oder dass
Zaubern eines Westfälischen Menüs aus Anlass des 25. Jahrestages der
Ständigen Konferenz der Gemeinden und Regionen Europas in Straßburg.
• Ausrichtung einer Reihe von großen Benefiz-Galas, deren Erlöse kranken
oder sozial schwachen Kinder zugute kamen. Auch die
Hannelore-Kohl-Stiftung profitierte von Ihren Initiativen.
• Viel Zuspruch fanden, z.B. das „Spargelschälen“ oder das Kochen in und
für Behindertenschulen. Sie unterstützen u. a. das Friedensdorf in
Oberhausen, sowie die „Aktion Lichtblicke“, eine Zusammenarbeit zwischen
Lokalradios, kirchlichen Hilfswerken und freien Wohlfahrtsverbänden, die
Not leidenden Kindern und Jugendlichen schnell und unbürokratisch hilft.
Mit all diesen Aktivitäten, die sich ja immer auch um das Kochen
drehten, hoben gleichzeitig die Wahrnehmung des Ruhrgebiets in
kulinarischer und kultureller Hinsicht hervor.
Dafür wurden Sie 1998 dem mit Citypreis
Ihrer Heimatstadt ausgezeichnet. Ein Jahr später mit dem Verdienstkreuz
am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
ausgezeichnet.
Inzwischen
haben Sie nicht nur einen überregionalen Bekanntheitsgrad erreicht,
sondern sind auch in Funk-, Fernsehen, in der Presse und auf dem
Büchermarkt vertreten. Viele Menschen kochen nach Ihren Rezepten und
entdecken den Charme der einfachen Küche neu. Wichtig bei den
Zubereitungen der Mahlzeiten sind für Sie frische Zutaten aus der
Region, die modern, d.h. nach neuen ernährungsphysiologischen
Erkenntnissen zubereitet werden. Die Frage nach Ihrer eigenen
Lieblingsmahlzeit ist schnell beantwortet – Dicke Bohnen mit
Bauchfleisch.
– Geht einem so versierten Koch schon mal etwas daneben? Da erinnern sie
sich an Ihr erstes Lehrjahr, als sie einer Tante etwas vorkochen
wollten. Verlorene Eier sollten es werden – und sie wurden es im
wahrsten Sinne des Wortes, denn sie hatten sich leider in der Soße
aufgelöst.
Wenn Sie heute als "Bürger des Ruhrgebiets"
ausgezeichnet werden, dann gilt diese Ehrung vor allem aber Ihrem
Einsatz für die Ausbildung und den Nachwuchs. Dabei haben Sie sich nie
auf die lehrende Tätigkeit in der Schule beschränkt.
Sie gingen mit Auszubildenden auf nationale
und später auch auf internationale Wettbewerbe. Immer war es dabei Ihr
Anliegen, auch Ihre Heimatstadt Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet
angemessen vertreten zu wissen. Sie trainierten Köche und solche, die es
werden wollten und führten Sie im In- und Ausland zu beachtlichen
Erfolgen. Nicht zuletzt durch diese Aktivitäten wurde das bis dahin
kulinarisch kaum wahrgenommene Ruhrgebiet bekannt für eine gute
Gastronomie.
Sie zeichnen sich für den
Rudolf-Achenbach-Preis verantwortlich, einen traditionellen bundesweiten
Wettbewerb für auszubildende Köche im dritten Ausbildungsjahr.
Die Ideen gehen Ihnen auch für die Zukunft
nicht aus. Es sind immer wieder vor allem die Kinder und Jugendlichen,
denen Ihr besonderes Augenmerk gilt.
Zurzeit arbeiten Sie an einem Kochbuch für
Vorschulkinder, das ohne Text auskommt und nur mit Bildfolgen gestaltet
wird. Dabei sind besonders die Sicherheitsanweisungen im Umgang mit dem
heimischen Herd zu beachten.
Und ein neues Spektakel ist ebenfalls in
Planung: 1000 Kinder werden synchron auf dem Gelsenkirchener Marktplatz
für eine Eintragung ins Guinness-Buch der Rekorde kochen. Wir dürfen
gespannt sein.
Kochen ist auch heute noch Ihre
Leidenschaft, und der Lehrberuf macht Ihnen nach wie vor Freude. Von
Ihren Schülern haben es viele weit gebracht und zu manchen besteht auch
nach Jahren noch eine persönlich enge Verbindung. Sie können berechtigt
stolz auf diejenigen sein, die sich unter Ihrer Anleitung zu
hervorragenden Köchen entwickelt haben.
"Heinrich Wächter ist ein starkes Stück
Ruhrgebiet, ein Urgestein Gelsenkirchens". So ist es im Vorwort zum Buch
"Kochen im Revier" zu lesen, und das ist durchaus wahr. Unermüdlich
setzen Sie Ihre Ideen um, die sowohl den Menschen, als auch der Region
zugute kommen. Die Pflege der zahlreichen in- und ausländischen Kontakte
dient ebenfalls vor allem dem Ziel, das Bild des Ruhrgebiets im
positiven Sinne zurechtzurücken.
Die Menschen hier mussten immer kämpfen,
sie sind von einfacher, direkter Offenheit, selbstbewusst und tolerant
gegenüber anderen Kulturen. Sie, sehr geehrter Herr Wächter, verkörpern
selbst am besten das Bild von einem waschechten Ruhrgebietsmenschen und
werden nach eigenen Aussagen als solcher im Ausland stets mit offener
Herzlichkeit empfangen.
Mit all Ihren Eigenschaften und Fähigkeiten
sind Sie nicht nur ein echter Botschafter, sondern auch ein wahrer
"Bürger des Ruhrgebiets". Herzlichen Glückwunsch!
